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![]() Ich hab Dir mal ein Foto von mir und den Jungs beigelgt. Da hatte der Jub sogar noch lange Haare! |
Liebe Kitty! Als mich mein Geschichts-Kommilitone Tobi an einem lauen Tag im Frühling 1999 anrief, um „irgend etwas wichtiges“ mit mir zu besprechen, war mir eigentlich nicht gerade nach Uni-Blabla zumute. Eine Einladung in die Mensa wollte ich dennoch nicht ablehnen. An jenem Tag gab es nämlich Nudeln mit Salz! Tobi tat dann erst mal auf geheimnisvoll und ich bekam während des ganzen Essens kein Wort aus ihm heraus. Beim Nachtisch fragte er mich aber beiläufig: „Ey, Du hast doch ein Auto – hättest Du nicht Bock in ’ner coolen Band zu singen?“ Natürlich hatte ich, aber war ich dazu auch in der Lage? „Was ist denn das für eine Band?“ lautete meine vorsichtige Gegenfrage. „Na ja, halt so punkmäßig! Unseren Schlagzeuger, den Holgi, kennste ja vom Sehen. Der macht gerade Abi! Den Gitarrero Jub könntest Du vielleicht aus der Uni-Bibliothek kennen. Der hat so lange Haare und Neurodermitis.“ Nach einigem Zögern ließ ich mich dann doch zu einer ersten Probe überreden. Der Proberaum war in Roedder, einer Dorfbauernschaft bei Dülmen. Tobi lenkte mein Auto, so dass ich meine Nervosität mit Alkohol betäuben konnte. Holgi und Jub schienen auch nervös zu sein. Der Proberaum war total unordentlich und es stank fürchterlich nach Bier, doch ich ließ mir nichts anmerken und sagte nur: „Echt total cool hier!“ Bevor die Boys losrockten, drückte mir Jub einen total bescheuerten Text in die Hand und sagte: „Sing dat ma!“ Dann wurde es schrecklich peinlich für mich, weil ich die Einsätze immer verpaßt habe. Heute fällt mir das etwas leichter. Die Jungs kümmerte das aber nicht, denn die waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Auf der Rückfahrt sind wir dann über Holland zurück nach Münster gefahren. Zwei Monate später habe ich sicherheitshalber meinen Polo verkauft. Das war eine Woche vor unserem ersten Konzert und wir hatten noch gar keinen Bandnamen! Holgi kam dann kurz vor knapp mit THE ROSETTES um die Ecke und fand’ das total lustig. Wir lachten bemüht. Das Konzert war so ’n Band-Contest in der Sputnikhalle mit tausend anderen lokalen Kapellen. Jede Band durfte nur drei Lieder spielen, aber das fanden wir eigentlich ganz gut, da wir sowieso nicht mehr konnten. Es war auch ganz schön voll da und das Publikum fand uns am coolsten, was mir irgendwie unangenehm war, weil das dann am nächsten Tag in der Zeitung stand, und mich alle in der Uni drauf angequatscht haben. Im folgenden Winter haben wir unser erstes Demo bei Jubs Eltern im Keller aufgenommen. Die wohnen in Goxel, das ist so ’ne Dorfbauernschaft bei Coesfeld. Da war es viel sauberer als bei uns im Proberaum und außerdem hatten die total lustige Karnevalsklamotten zum verkleiden! Abgemischt hat die Songs dann so ein komischer Typ mit Doppelkinn - aber dazu später mehr, liebe Kitty! Die Monate flogen ins Land, und wir verbrachten wenig Zeit im Proberaum, obwohl ich den extra mal aufgeräumt hatte. Dafür kloppten wir Doppelkopf und spielten auch mal live in der großen Stadt, z.B. in Berlin, Göttingen, Dresden oder Bramsche. Das ist so ’ne Dorfbauernschaft hinter Osnabrück. Irgendwann hatten wir so viele Lieder geschrieben, daß ich vorschlug, eine CD zu machen. Damals wusste ich ja noch nicht, daß Vinyl viel cooler ist. „Von wegen Credibility und so!“ Für die Aufnahmen suchten wir einen saubereren Proberraum als den unseren und fanden ihn in Ostbevern-Brock. Das ist so ’ne Dorfbauernschaft hinter Münster. Hier probt und wohnt normalerweise der Florian in einer ehemaligen Bahnhofskneipe direkt neben ’nem Kotten. Da gab es ganz viele süße Hundis, Ponys, Kätzchen und sogar einen Esel. Wenn man sich die Aufnahmen mal genau anhört, kann man den beim ersten Lied auch ganz leise hören. Die Mischung hat dann wieder dieser Typ mit dem Doppelkinn gemacht. Der heißt übrigens Jan und ist total knuffig. Heute sind wir ein Paar, liebe Kitty! Damit die Boys auch was von der ganzen Sache haben, hat sich der dicke Alfred von ...STEREODRIVE! RECORDS schließlich dazu bequemt, die Songs als schicke Langspielplatte zu veröffentlichen. Meine Eltern waren schon stolz auf mich, aber sie meinten, ich solle jetzt bloß nicht mein Studium vernachlässigen. Pustekuchen!!! In den folgenden Jahren haben wir uns dann erstmal auf unseren Lorbeeren ausgeruht, wenn wir nicht gerade heiße Orgien mit berühmten Bands wie Ass-Ass-Twister (oder hießen die SS-Twister?!?) aus Eisenhüttenstadt gefeiert haben. Das waren totale Hippies. Die wollten unbedingt mit uns eine Schnitzeljagd durch Friedrichshain veranstalten - das ist so 'ne Dorfbauernschaft in Berlin. Wir waren allerdings schneller! Es war schon 'ne schöne Zeit mit den Jungs, aber nach sieben Jahren war irgendwie die Luft raus. Das soll ja in den besten Familien vorkommen. Apropros, ich wohne jetzt übrigens wieder bei meinen Eltern in Steinhagen. Das ist so 'ne Dorfbauernschaft hinter Bielefeld. Alles Liebe, Deine Betty |
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